Fasching

Stein des Anstoßes bei der Debatte um die „Kleine Hexe“ war bekanntlich das Kapitel, in dem zu Fasching die Kinder sich als „Negerlein …, Türken mit roten Mützen … und kleine Chinesinnen“ verkleiden. Ich habe dabei stets die Meinung vertreten, solche Kostümierungen wären heutzutage komplett verschwunden. Das Fremde, das einer Verkleidung zwingend innewohnt, sei dabei einfach nicht mehr gegeben. Die damit verknüpften rassistischen Stereotypen seien gesellschaftlich geächtet.
Tja, was soll ich sagen? Manchmal muss man einfach zugeben, dass man sich geirrt hat.

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Absolute Mehrheit

Stefan Raab, lese ich gestern, möchte eine politische Talkshow produzieren, in der die Zuschauer per Telefonvoting darüber abstimmen können, welcher der Teilnehmer (drei Politiker, ein Promi, ein Normalsterblicher) die besten Argumente zu einem bestimmten Thema vertritt. Der Gewinner – sofern er mindestens 50% der Stimmen für sich verbuchen kann – erhält 100.000 Euro. Frank Schirrmacher bezeichnet die Idee auf Twitter treffend als „neue Geldquelle für Populisten“. Ich werde bis zuletzt die Hoffnung, wenn auch nicht die feste Überzeugung, hegen, dass es sich bei der Raabschen Ankündigung um einen Hoax handelt. Handeln muss. Frei nach dem  Vorbild des Skandals um die Organspende-Fernsehshow in den Niederlanden. Es könnte also schlicht ums Generieren von Aufmerksamkeit gehen dafür, dass die politischen Talkshows zwar fest in der Hand der öffentlich-rechtlichen Sender sind, dort aber weit hinter ihren Möglichkeiten zurückbleiben; es könnte der augenzwinkernde Hinweis darauf sein, dass politische Debatten von den immer gleichen üblichen Verdächtigen im Fernsehen geführt werden statt im Parlament; es könnte zuletzt eine ironische Spitze gegen das Fernsehen selbst sein, das aus allem einen Wettkampf, ein Event machen will.

Die Ankündigung strotzt so vor Selbstüberschätzung und genereller Übertreibung, dass ich mich sehr wundern müsste, wenn das kein Scherz sein soll: gesendet werden soll Sonntagabend parallel zu Jauch, am Ende wisse man wenigstens, „welche Meinung die Masse der Zuschauer hat“ (besser als dieses sonstige ergebnislose Rumdiskutieren), Alexander Dobrindt schließlich könne zwei Wochen lang „King of Kotelett“ in Berlin sein. In meiner Welt sind solche Sätze Satire.

Leider ist es jedoch genauso möglich, dass Raab das alles ernst meint und ab November die Leute wie wild anrufen und schließlich einer mit einem Haufen Geld nach Hause geht, weil er „das, was alle denken, ja wohl noch mal laut wird sagen dürfen“. „Meinung muss sich wieder lohnen“ – dann fragt sich nur, für wen.

Zeugenaussage

Morgen früh dann also Polizei. Zeugenaussage in einem Fall von schwerer Körperverletzung. Ich will den genauen Anlass hier gar nicht schildern, weil ich denke, dass ich mich besser an alles erinnern kann, wenn ich es morgen früh dem Kriminalkommissar Kleeberg erzähle, ohne es heute nochmal in Gedanken durchgegangen zu sein. Nur soviel: drei Jugendliche haben auf einem Kinderspielplatz einen Vater eines knapp zweijährigen Kindes zusammengeschlagen. Am hellichten Tag. Vor Zeugen. Während kleine Kinder anwesend waren. Auf einem gottverdammten Kinderspielplatz (ja, habe ich schon geschrieben, aber ich fasse es dennoch immer noch nicht). Und warum? Wegen – und hier müsste wirklich ein Trommelwirbel kommen, denn der Auslöser ist so unsagbar nichtig und dumm, dass man es im Kopf nicht aushalten will – wegen drei verfluchten Wassereisverpackungen. Die Jungs hatten ihren Müll in den Sand geworfen, der Mann forderte sie auf, das Zeug wegzuschmeißen, und die drei prügelten auf ihn ein. Inklusive Tritten gegen den Kopf, als er schon am Boden lag.

Aber gut, ich will ja nun gerade nicht minutiös berichten. Was mich nicht loslässt seit dem Vorfall ist die Tatsache, dass es augenscheinlich keinen Moment des Zögerns vor dem Ausbruch der Gewalt gab. Diese Hemmschwelle, von der ich bisher angenommen hatte, sie existiere unweigerlich im Hirn jedes Menschen, war nicht da. Einfach nicht da. Stattdessen hatten diese drei Jungs nur zwei Modi: Dummstellen („hä? ist doch gar nicht unser Müll, hihihi“) und Draufhauen. Dazwischen war nichts. Ich selbst kann Gewalt nicht nur nichts abgewinnen, mich machen gewalttätige Situationen völlig fertig. Ich bin ohnmächtig und mir bleibt nur zu schreien. „Hört auf hört auf hört auf.“ Die irrige Hoffnung, das würde irgendetwas anhalten können, die Lautstärke meiner Stimme könnte ankommen gegen das Adrenalin im Blut der anderen.

Kurz nach dem Vorfall hatte ich einen Gedanken, der wahrscheinlich gar nicht so neu ist, aber er spukt nach wie vor in meinem Kopf herum. Gewalt, dachte ich, ist vielleicht fälschlicherweise so geächtet in unserer Gesellschaft. Die Gewalttat gehört vielleicht ganz elementar zu uns, als Teil eines Wettkampfs, von Rivalität, kennt man ja alles aus dem Tierreich. Wir haben versucht, Gewalt irgendwie zu verdrängen bzw. unser Bedürfnis nach Gewalt zu kanalisieren, im Sport, in irgendwelchen Wettbewerben, im Kampfsport meinetwegen oder auch im Debattierclub als höchster Sublimationsform. Letztlich im Spiel. Aber es bleibt eben ein Rest, der sich nicht in eine zivilisierte, durchritualisierte, gesellschaftlich akzeptierte Spiel-Form pressen lässt. Und dieser Rest, dieses Ur-Animalische, dieses reine „Ich beiß dich tot“ war es, was ich auf dem Spielplatz gesehen habe.

Eine ältere Frau kam kurz danach zu uns, die Jugendlichen waren schon weg, die Polizei (natürlich) noch nicht da, und berichtete, einer der Jungs habe im Weggehen gesagt: „Den haben wir gefickt“. Der kleine Sohn des Opfers übrigens spielte zu dem Zeitpunkt schon wieder alleine im Sand.

O-Ton Kind

Immer wenn was reißt, ist es mir egal. Mir doch scheißegal. Jetzt musst du helfen. Nur aus bestimmten Gründen darf man helfen, nur aus so Reiß-Gründen. Jetzt, jetzt und jetzt. Danke. Nur das Oberteil anziehen. Dein Teil Ja. Ja, ja, ja. Jaaaaaa. Papa, weißt du, was ich manchmal, in so welchen Situationen ich will, du hast mir in den Weg gesehen, ich musste eigentlich den Weg sehen. Jetzt zieh ich ihr hübsches hübsches Kleid wieder an, ihr Hübschkleid, oh Arala, oh Aragla, Oh Arada, meine Arada, meine Arada, meine feine Arada, meine feine Arada. Ist das auch Donna, Mama? Ludea und Erith, Mama. Bludee, Bludee, Bludee, Brudee, Bru-hu-dee, Blu-u-dee, Blu-u-dee, Bludee, Bludee… Mama, bestimmt ist das ein Schal für sie, Mama. Dududududaaa, tatatamtam tatatamtam tatatamtamtamtam. Mama eigentlich hält sie es in der Hand. Ich hab ihr das jetzt in die Hand gemacht, eigentlich auch richtig rum. So. Dadadada, falle weg, Feile weg, feile weg, feile feile we-heg. Fliegt immer näher, jetzt ist der Mann schon drüber, tatada, Agrabla, Agrabla. Lada-a. Lurela. Lürelu. Dubdidubdi. Ruckdigu. Rudidru. Blutidu. Rutiru. Blutiblu. Rutiru blutiblu rutiru wie heißt der denn, Shaker? Ich will jetzt den Mann anziehen für die Frau lalalalalala, der Graf, der Graaaaf, der Graaaaaaaaaaaaaaaf. Das kann man selber ausmalen, da kann man sich sogar Hosen. Die kleb ich alle mal hier so hin. Hmm. Ugubaru. Laaaaraaaaaaaaagraaabaaaam. Alagra. Hey bitte könnte ich einen Stift, bitte könnte ich einen Stift. Hol du es bitte, bitte bitte bitte. Dankeschön. Dankeee dankeee. Uh yes uh yes yes he yes he yes he yes heen yes heen. Papa. Willst du mir helfen gelb zu finden? Hier ist das Gelb. Hier ist gelbigelb. Aber gelbigelb malt nicht. Das malt da drauf nicht. Das sind doch Filzer.

Und zack, da war ich dann doch unabkömmlich. Und mein Transkriptionsprojekt wurde vereitelt. Manchmal klingt meine Tochter wie Thomas Bernhard. Heute war sie wohl eher vom Dadaismus inspiriert.

Mama der Mantel ist gerissen. Und weg. 

Problembär

Das Bundesfamilienministerium hat einen Bären als Mitarbeiter. Er bezeichnet sich als „Expertenteddy“ und hört auf den Namen Herr Bärt (aua). Er besitzt seine eigene Facebookseite und schreibt mitunter sogar im Forum auf eltern.de. Dort erteilt er schlaue Ratschläge zu Themen wie Elterngeld und Mutterschutz, aber auch zum Sauberwerden und zu Schlafproblemen. Laut seiner Facebook-Info ist er „immer dicht am Geschehen und kennt Freude, Probleme und Herausforderungen des Familienlebens aus erster Hand“ und berichtet „exklusiv … aus seinem Alltag“.

All zu viel gibt es noch nicht zu erfahren von ihm, aber Herr Bärt scheint alleinerziehend zu sein. Seine bisher einzige Statusmeldung auf Facebook lautet: „Manchmal will, aber kann ein Elternteil keinen oder nicht genug Unterhalt für das gemeinsame Kind zahlen. Wenn es soweit kommt, könnt ihr einen Vorschuss beim Jugendamt beantragen!
Vielleicht teilt er uns ja demnächst mit, ob das Jugendamt den Vorschuss bewilligt hat.
Wir dürfen gespannt sein.

Mobil

„Ich bin jetzt auch mobil“ sagte eine Freundin heute zu mir. Und ich dachte für einen Moment: „Was? Dich gibts jetzt als App, oder wie?“ Weit gefehlt – sie hat jetzt ein Fahrrad.

Oh modern times.

Reisen mit Kindern

Da sehe ich doch heute bei Facebook ein Werbeplakat der Deutschen Bahn, das für ein Familien-Sparticket mit dem Slogan: „Hier dürfen Kinder alles. Außer zahlen.“ wirbt. Der Kommentar meiner Facebook-Freundin dazu lautet: „Ein Grund mehr, nicht mit der Bahn zu fahren!!“ Es bekommt innerhalb kurzer Zeit 12 Likes und Affirmationen wie „Schrecklich, diese Bälger“. Ich stelle dazu fest:

Im Anschluss hagelt es Rechtfertigungen, Erklärungen und vor allem Beispiele, warum Kinder in der Bahn schrecklich sind und was sie nicht alles machen. Eine kleine Auswahl gefällig? Bitteschön: Kinder zünden dem Hund den Schwanz an. Kinder treten fünf Stunden am Stück gegen den Sitz. Kinder brüllen im vollen Großraumabteil schrill herum. Verbesserungsvorschläge kommen natürlich auch, die Diskussion ist ja wie zu erwarten sehr konstruktiv: Kinder sollen die Füße still halten, wenn andere Leute ihre Ruhe wollen. Die Bahn ist kein Spielplatz. Wieso gibt es kein Baldrian in Smarties-Form? Der Hund schafft es auch, still zu sein. Und der bezahlt 50 Euro und finanziert damit den Kindern anderer Leute ihre Zugfahrt!

Ernsthaft? Meint ihr das wirklich ernst, junge Menschen zwischen 20 und 30, die ihr mehrheitlich studiert (habt), Erzieher seid, euch bestimmt klammheimlich dem Humanismus verschrieben habt? Meint ihr wirklich immer noch, das sei eigentlich gar nicht kinderfeindlich? Eine leichte und weit verbreitete Übung bei so etwas ist es ja, ein bestimmtes Wort durch ein anderes zu ersetzen. Also jetzt mal statt Kind „Mitbürger ausländischer Herkunft“, der Kürze halber „Ausländer“:

„Ausländern sollte auch ein respektvoller Umgang mit Fremden beigebracht werden, dazu gehoert die Fuesse still zu halten wenn andere Leute ihre Ruhe wollen. An Orten mit erzwungener Naehe finde ich Ruecksichtnahme wichtiger als laissez-faire, falls es das ist was du mit respektvollem Umgang gegenueber Ausländern meinst…“

„und wenn mann dann noch 5 stunden einen Ausländer  hinter sich sitzen hat der unentwegt gegen den sitz trit ist es mit der geduld auch irgendwann vorbei, wenn man immer wieder darum bittet dass der Ausländer aufhört. und wenn ich dann noch bedenke dass …ich pro fahrt für meinen hund, der noch nichtmal nen sitzplatz einnimmt und die farht über keinen ton von sich gibt 50 € zahlen muss und damit die fahrkarten für andere Ausländer bezahle finde ich dass auch nicht so doll…“

„also Ausländer an für sich nerven mich nicht, und auf unserem Spielplatz dürfen die auch rumrennen und kreischen wie sie wollen, aber genauso müssen Ausländer gebremmst werden. Große Ausländergruppen auf reise sind immer schwierig, das hat dan auch selten mit dem einzelnen Ausländer zu tun….die sind einfach angespannt/aufgedreht….da würdest selbst du nicht ruhiger werden…“

Voll okay, oder? Da würde man sich nicht vielleicht ein kleines Bisschen fragen, ob da, hmm, eine gewisse Fremdenfeindlichkeit mit im Spiel ist?

Liest man Zeitung, denkt man ja immer, ganz Deutschland würde sich nur den Kopf zerbrechen, wie man Familien mit Eltern-, Betreuungs- und Kindergeld unterstützen kann, wie man das Leben mit und für Kinder angenehm gestalten kann, wie letztlich – das Thema ist ja nicht vom Tisch – die Geburtenrate gesteigert werden kann. All diese Überlegungen finden ja auch wirklich statt, zumindest in der Politik und in einigen Teilen der Gesellschaft. Sie finden aber statt in einer durch und durch kinderfeindlichen Gesellschaft, einer Gesellschaft, in der schon 20jährige sich nicht mehr mit dem Kind, das sie bis vor wenigen Jahren noch waren, identifizieren mögen. In der elterliche Kontrolle, Grenzensetzung, Disziplinierung und wahrscheinlich nicht zuletzt Bestrafung gefordert werden. Und das wird dann Erziehung genannt. Und alles, was dem nichr entspricht, heißt laissez-faire. Meine Güte, wozu denn noch Pädagogik, wenn die jungen Akademiker-to-be von heute es so genau wissen, wo die Position des Kindes in der Gesellschaft zu sein hat. Unten, ganz unten in der Hierarchie.

Ich fahre übrigens morgen mit meinen beiden Kindern acht Stunden mit der Bahn. Und muss jetzt noch dringend ein Feuerzeug suchen. Könnte ja sein, dass ein Hund mitfährt.