Tag am Meer

Schön wär’s. War natürlich nur Freibad, das Olympiastadion in Berlin, _das_ Schwimmbad meiner Kindheit. Hier bin ich gefühlt jeden Sommertag zwischen 1984 und 1988 mit meiner Oma gewesen, unser Platz war immer direkt neben dem flachen Nichtschwimmerbecken, auf dem Steinboden, der im Laufe eines Tages von der Sonne so heiß wird, dass man nicht mehr schmerzfrei darauf laufen kann und eigentlich im Hechtsprung ins Wasser springen muss, obwohl das naturgemäß verboten ist. Es gibt herrliche Fotos von mir, wie ich mit ca. vier Jahren in meinem rot-weiß-gestreiften Lieblingsbadeanzug mit einem Schwimmreifen in Form eines Schwans durch ein komplett leeres Becken gleite. Ich frage mich immer, ob meine Oma prinzipiell um 7 Uhr morgens mit mir schwimmen gegangen ist oder ob sie gar das ganze Schwimmbad oder zumindest das Nichtschwimmerbecken gemietet hatte, denn da ist wirklich niemand sonst auf den Fotos, nicht mal im Hintergrund. Wahrscheinlich hat sie dem Bademeister 20 Mark zugesteckt, damit ich alleine dort plantschen konnte. Zuzutrauen wäre es ihr.

Jedenfalls: seitdem wir wieder in Berlin wohnen, also seit ziemlich genau ( – nein, halt, heute GANZ genau) einem Jahr, ist das Olympiastadion in erreichbare Nähe gerückt, und weil heute ein unvorstellbar heißer Tag war, haben wir ihn dort verbracht. Und was soll ich sagen – im Freibad offenbart sich doch der Mensch als Tier. Die Liegewiese bevölkert von einer seltsam disparaten Horde: hier das Seniorenpaar, das sich routiniert gegenseitig den Rücken eincremt; da die marodierenden Halbstarken, Balzrituale und Kampfspiele eingechlossen; dazwischen versprengt Eltern mit Kindern, mal vereinzelt, mal in einer Gruppe, mal als mehrere Generationen umfassender Clan. Und alle sind seltsam harmonisch untereinander, leben und leben lassen scheint das Motto. Oder liegen und liegen lassen, je nachdem. Wenn man mal die zoomorphe Brille aufhat, sehen kleine Kinder auch nur noch wie Affen aus. Der kleine Junge, der sich an der Dusche festklammert und immer wieder blitzschnell mit seinem Eimer zum eiskalten Wasserstrahl flitzt. Die eigene Tochter, die sich im Wasser an meinem Rücken festhält, um nicht unterzugehen. Wahrscheinlich hat mich deswegen der Anblick von einem ca. dreijährigen Mädchen im Bikini so irritiert. Das war irgendwie falsch, dazu muss man gar nicht besonders feministisch sein. Kleine Mädchen brauchen keine Bikinis. (Na herzlichen Dank, da stolpere ich beim Googlen über dieses Bild und möchte schreien: kleine Mädchen brauchen keine Bikinis, da findet eine Sexualisierung der Kindheit statt, das ist falschfalschfalsch!)

Zurück zu den Tieren. Ich lag also heute nicht auf den heißen Steinen, sondern auf der Wiese, insgesamt ca. drei Stunden mit schlafendem Baby auf dem Bauch, während mein Körper bekrabbelt und bekrochen wurde. Ameisen, Raupen, komische Insekten mit länglichen glänzenden Körpern und Flügeln, die aber das Krabbeln bevorzugten, Spinnen, das volle Programm. Da war ich dann wieder ganz Mensch und schüttelte mich regelmäßig. Als Affenmutter hätte ich die Viecher wahrscheinlich einfach gegessen wegen der Proteine. Als Mensch, und als Stadtmensch zumal, habe ich ein letztlich gespaltenes Verhältnis zur Natur, deren Teil ich ja dann doch wiederum bin. Ach, es ist schon ein Kreuz.

Jetzt wartet ein Gespräch über Rebornpuppen auf mich. Menschliches, allzu Menschliches…

Anrufung des Herrn

Die Wahrheit ist, dass es komplett unmöglich ist, einen halbwegs sinnvollen Beitrag zu schreiben, wenn alle halbe Stunde ein Baby mit Schnappatmung aufwacht und mich aus meinem stream of consciousness reißt. Deswegen lasse ich jetzt drei Entwürfe unbearbeitet und unveröffentlicht, poste stattdessen diesen hier und gehe schlafen. Stream of unconsciousness kann ja nur besser werden.

Himmel, jetzt habe ich auch noch aus Versehen fast alles gelöscht. Gott des Blogs, was willst du mir sagen?

Übrigens hat Kind1 heute einen Comic an der Bushaltestelle gefunde und mit nach Hause genommen. Er entpuppte sich als Propagandaschrift des Evangelischen Missionsdienstes „Die Wegbereiter“ und handelt von einem Mann, der auf die eher unsanfte Tour dazu bekehrt wird, ein guter Christ zu sein. Das Ganze endet mit der Aufforderung: „Richte dich nach der Bibel – oder du wirst nach ihr gerichtet!“ sowie dem Merksatz „Himmel oder Hölle! Die Entscheidung liegt bei Dir!“ Ich finde ja, inflationärer Gebrauch von Ausrufezeichen kann nicht Gottes Wille sein.

Und Schluss.

was ich kann:

mit einem schlafenden Baby auf dem Arm ein auf dem Boden liegendes aufgeschlagenes Buch mit den Füßen aus Bett befördern, OHNE die Seite zu verblättern und OHNE das Baby aufzuwecken und OHNE hinzufallen. Toll. Noch drei Kinder mehr und ich kann im Zirkus auftreten. Darf dann bloß keiner klatschen, sonst wacht das Baby ja auf.

Wilde Kerle

Maurice Sendak ist tot. Ich weiß gar nicht, ob ich das traurig oder sonst irgendwie finde. Er ist 83 Jahre alt geworden, sein Partner ist schon vor einigen Jahren gestorben, und ich nehme an, dass er nicht mehr viel vor hatte im Leben. Insofern ist es für ihn wahrscheinlich völlig in Ordnung, jetzt tot zu sein. Für mich ist es das auch. Bei Künstlern neigt man ja dazu, zu sagen „ach Gott, was er/sie nicht noch alles hätte schreiben/malen/komponieren können, nun ist dieser ach so geniale Geist leider von uns gegangen“. Sendak ist vor allem für ein Werk bekannt: „Wo die wilden Kerle wohnen“. Jedenfalls ist es das einzige seiner Bücher, das ich kenne. Und es ist genial. Es fasziniert mich seit meiner Kindheit, und ich will gar nicht wissen, warum. Vor ein paar Jahren wurde es verfilmt und – nicht nur – im Zuge dessen mit allerlei psychologischen Deutungen befrachtet. Oder war es der Film, der anfing, die Psychologie da reinzubringen? Den wilden Kerlen wurde irgendwann langweilig beim vielen Krachmachen, was wiederum Max nervte, weswegen er wieder fortsegelte? Ich weiß es nicht, ich habe den Film nicht gesehen. Ich habe mir auch ehrlich gesagt noch nie ernsthaft Gedanken gemacht, warum ich das Buch so toll finde. Ich weiß nur: die Liebe zu diesem Buch wurde mir nie peinlich. Auch nicht in so problematischen Lebensphasen wie kurz vor bzw. in der Pubertät, wenn man alles Kindliche abstreifen möchte und leugnet, sich je für „Mein kleines Pony“ begeistert zu haben. Zu erwähnen, dass „Wo die wilden Kerle wohnen“ eins meiner Lieblingsbücher ist, hat mich nie Überwindung gekostet. Und es war fast schon ein Pawlowscher Reflex, der mich dieses Buch für meine Tochter kaufen ließ, als sie gerade mal zwei Jahre alt war. Bei Thalia gesehen und sofort gewusst: das wird gekauft. Das arme Kind hatte gar kein Mitspracherecht. Beim Vorlesen dann sofort Kloß im Hals und Tränen in den Augen. Es ist die letzte Seite, die es mir besonders angetan hat, die ohne Bilder. Links steht „und es war noch warm“ und rechts, wo sonst Max im Wolfspelz, sein Zimmer, das Meer, die wilden Kerle zu sehen sind, ist: Nichts. Da muss ich immer heulen. Ich habe neulich erst etwas darüber gelesen, dass Leerstellen in Büchern für Kinder (ich glaube, es waren Schulbücher) so wichtig wären, es sie aber kaum gibt. Hier gibt es sie. Das Buch endet mit einer Leerstelle, mit einem Nicht-Bild. Das ist grandios.