Wilde Kerle

Maurice Sendak ist tot. Ich weiß gar nicht, ob ich das traurig oder sonst irgendwie finde. Er ist 83 Jahre alt geworden, sein Partner ist schon vor einigen Jahren gestorben, und ich nehme an, dass er nicht mehr viel vor hatte im Leben. Insofern ist es für ihn wahrscheinlich völlig in Ordnung, jetzt tot zu sein. Für mich ist es das auch. Bei Künstlern neigt man ja dazu, zu sagen „ach Gott, was er/sie nicht noch alles hätte schreiben/malen/komponieren können, nun ist dieser ach so geniale Geist leider von uns gegangen“. Sendak ist vor allem für ein Werk bekannt: „Wo die wilden Kerle wohnen“. Jedenfalls ist es das einzige seiner Bücher, das ich kenne. Und es ist genial. Es fasziniert mich seit meiner Kindheit, und ich will gar nicht wissen, warum. Vor ein paar Jahren wurde es verfilmt und – nicht nur – im Zuge dessen mit allerlei psychologischen Deutungen befrachtet. Oder war es der Film, der anfing, die Psychologie da reinzubringen? Den wilden Kerlen wurde irgendwann langweilig beim vielen Krachmachen, was wiederum Max nervte, weswegen er wieder fortsegelte? Ich weiß es nicht, ich habe den Film nicht gesehen. Ich habe mir auch ehrlich gesagt noch nie ernsthaft Gedanken gemacht, warum ich das Buch so toll finde. Ich weiß nur: die Liebe zu diesem Buch wurde mir nie peinlich. Auch nicht in so problematischen Lebensphasen wie kurz vor bzw. in der Pubertät, wenn man alles Kindliche abstreifen möchte und leugnet, sich je für „Mein kleines Pony“ begeistert zu haben. Zu erwähnen, dass „Wo die wilden Kerle wohnen“ eins meiner Lieblingsbücher ist, hat mich nie Überwindung gekostet. Und es war fast schon ein Pawlowscher Reflex, der mich dieses Buch für meine Tochter kaufen ließ, als sie gerade mal zwei Jahre alt war. Bei Thalia gesehen und sofort gewusst: das wird gekauft. Das arme Kind hatte gar kein Mitspracherecht. Beim Vorlesen dann sofort Kloß im Hals und Tränen in den Augen. Es ist die letzte Seite, die es mir besonders angetan hat, die ohne Bilder. Links steht „und es war noch warm“ und rechts, wo sonst Max im Wolfspelz, sein Zimmer, das Meer, die wilden Kerle zu sehen sind, ist: Nichts. Da muss ich immer heulen. Ich habe neulich erst etwas darüber gelesen, dass Leerstellen in Büchern für Kinder (ich glaube, es waren Schulbücher) so wichtig wären, es sie aber kaum gibt. Hier gibt es sie. Das Buch endet mit einer Leerstelle, mit einem Nicht-Bild. Das ist grandios.

 

 

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Ein Gedanke zu „Wilde Kerle

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