Zeugenaussage

Morgen früh dann also Polizei. Zeugenaussage in einem Fall von schwerer Körperverletzung. Ich will den genauen Anlass hier gar nicht schildern, weil ich denke, dass ich mich besser an alles erinnern kann, wenn ich es morgen früh dem Kriminalkommissar Kleeberg erzähle, ohne es heute nochmal in Gedanken durchgegangen zu sein. Nur soviel: drei Jugendliche haben auf einem Kinderspielplatz einen Vater eines knapp zweijährigen Kindes zusammengeschlagen. Am hellichten Tag. Vor Zeugen. Während kleine Kinder anwesend waren. Auf einem gottverdammten Kinderspielplatz (ja, habe ich schon geschrieben, aber ich fasse es dennoch immer noch nicht). Und warum? Wegen – und hier müsste wirklich ein Trommelwirbel kommen, denn der Auslöser ist so unsagbar nichtig und dumm, dass man es im Kopf nicht aushalten will – wegen drei verfluchten Wassereisverpackungen. Die Jungs hatten ihren Müll in den Sand geworfen, der Mann forderte sie auf, das Zeug wegzuschmeißen, und die drei prügelten auf ihn ein. Inklusive Tritten gegen den Kopf, als er schon am Boden lag.

Aber gut, ich will ja nun gerade nicht minutiös berichten. Was mich nicht loslässt seit dem Vorfall ist die Tatsache, dass es augenscheinlich keinen Moment des Zögerns vor dem Ausbruch der Gewalt gab. Diese Hemmschwelle, von der ich bisher angenommen hatte, sie existiere unweigerlich im Hirn jedes Menschen, war nicht da. Einfach nicht da. Stattdessen hatten diese drei Jungs nur zwei Modi: Dummstellen („hä? ist doch gar nicht unser Müll, hihihi“) und Draufhauen. Dazwischen war nichts. Ich selbst kann Gewalt nicht nur nichts abgewinnen, mich machen gewalttätige Situationen völlig fertig. Ich bin ohnmächtig und mir bleibt nur zu schreien. „Hört auf hört auf hört auf.“ Die irrige Hoffnung, das würde irgendetwas anhalten können, die Lautstärke meiner Stimme könnte ankommen gegen das Adrenalin im Blut der anderen.

Kurz nach dem Vorfall hatte ich einen Gedanken, der wahrscheinlich gar nicht so neu ist, aber er spukt nach wie vor in meinem Kopf herum. Gewalt, dachte ich, ist vielleicht fälschlicherweise so geächtet in unserer Gesellschaft. Die Gewalttat gehört vielleicht ganz elementar zu uns, als Teil eines Wettkampfs, von Rivalität, kennt man ja alles aus dem Tierreich. Wir haben versucht, Gewalt irgendwie zu verdrängen bzw. unser Bedürfnis nach Gewalt zu kanalisieren, im Sport, in irgendwelchen Wettbewerben, im Kampfsport meinetwegen oder auch im Debattierclub als höchster Sublimationsform. Letztlich im Spiel. Aber es bleibt eben ein Rest, der sich nicht in eine zivilisierte, durchritualisierte, gesellschaftlich akzeptierte Spiel-Form pressen lässt. Und dieser Rest, dieses Ur-Animalische, dieses reine „Ich beiß dich tot“ war es, was ich auf dem Spielplatz gesehen habe.

Eine ältere Frau kam kurz danach zu uns, die Jugendlichen waren schon weg, die Polizei (natürlich) noch nicht da, und berichtete, einer der Jungs habe im Weggehen gesagt: „Den haben wir gefickt“. Der kleine Sohn des Opfers übrigens spielte zu dem Zeitpunkt schon wieder alleine im Sand.

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3 Gedanken zu „Zeugenaussage

  1. Ich bin sehr betroffen, traurig und mutlos. Meine Frau, schwanger, hat selbst in Berlin Moabit einem Knirps mehrmals gebeten, sein Dönerpapier aufzuheben. Ein vorbei laufender Halbstarker mit Freundin an der Hand meinte unterstützend: „Ey Kleiner, lass liegen. Tritt sich fest!“ Ich habe meine entsetzte Frau danach eindrücklich gebeten, in solchen Situationen nicht die Aufgabe des Ordnungsamtes oder der Polizei zu übernehmen, sie würde zu viel riskieren. In dieser tatsächlichen Episode nun sehe ich meine Angst leider bestätigt. Ich frage nicht mehr nach dem Warum. Das müssen Wissenschaftler und Experten klären und Vorsorge treffen. Ich will nicht, dass meine Frau „totgebissen“ wird wegen etwas Müll. Liege ich falsch, wenn ich schreibe, dass leider solche Dramen zeigen, dass Zivilcourage jene zeigen sollten, die es sich leisten können?

    • Dein Rat an deine Frau ist auf jeden Fall richtig. Der Polizist, der schließlich am Tatort auftauchte, riet uns, in Zukunft die Polizei früher zu rufen, prophylaktisch sozusagen, bevor wir selbst uns in Gefahr bringen würden. Bis zu besagtem Tag ahnte ich nicht, dass bloßes Ansprechen schon eine Gefahr darstellt. Und dass Zivilcourage eben auch schon bedeuten kann, eine Zeugenaussage zu machen. Ist nämlich keine Selbstverständlichkeit, wie der Herr Kommissar sagte, viele Zeugen trauten sich noch nicht mal das. (Die Täter sind übrigens gefasst, geständig und in einem Fall mehrfach vorbestraft, Gerichtsverhandlung folgt vermutlich.)
      Ob man generell Zivilcourage nur zeigen sollte, wenn man es „sich leisten“ kann, weiß ich nicht. Kommt vielleicht auf die Art der Zivilcourage an. Schwanger oder mit kleinem Kind lasse ich mich auf keine Konfrontation ein, aber ich rufe die Polizei oder fordere einen Passanten zur Unterstützung auf. Gar nichts zu machen ist für mich keine Option, da spielt mein Gewissen nicht mit.

      • Zivilcourage ist wirklich keine Selbstverständlichkeit. Und leisten sollte sie sich eigentlich jeder! Und Deinen Rat, Polizei und Passanten zu alarmieren werden wir beherzigen!

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