Einkaufen II

Gestern war der Tag der schreienden Säuglinge. Nicht hier, zum Glück, sondern „in der Stadt“, wie man so schön sagt. Bei Alnatura brüllte sich ein vielleicht fünf Wochen altes Kind die Seele aus dem Leib, während die Mutter sich in aller Ruhe durchs Bio-Lebensmittel- und Körperpflegeprogramm stöberte. Auf der Wilmersdorfer Straße ignorierten zwei Mütter ihre zeitgleich brüllenden Babys, und ein Vater in der Schillerstraße schien gar nicht mitzubekommen, dass sein Kind verzweifelt weinte. Was ist los mit den Leuten? Wie entfremdet von sich selbst muss man sein, um den Instinkt, sich um ein schreiendes Baby zu kümmern, so völlig unterdrücken zu können? Ich verstehe es nicht. Und es macht mich wütend und traurig.

 

Einkaufen

Ich kann keinen Laden mehr betreten. Ich kaufe soviel im Internet, dass ich Schwellenangst habe, wenn ich mal etwas aus einem kleinen Fachgeschäft brauche. Also nicht aus dem Supermarkt, wo ich mir alles selbst aus den Regalen nehmen kann, sondern aus z.B. einem Fahrradladen. Oder einer Boutique. Sagt man noch Boutique? Egal, Anziehsachengeschäft eben, aber halt nicht H&M, kleiner, mit einer gut gekleideten Frau, die einem hilft, die richtige Hose auszusuchen und zuguckt, wenn man sich im Spiegel anschaut und so. In solche Klamottenläden kann ich sowieso schon seit Jahren nicht gehen, weil ich es nicht mag, beobachtet zu werden, wenn ich ein Kleidungsstück zum ersten Mal anprobiere. Das ist ein intimer Moment, der mit entscheidet, ob betreffender Tag als gut oder schlecht verbucht wird. Wenn man in so einen Laden geht, kann man nicht nichts kaufen. Irgendwas muss man kaufen, damit sich der Beratungsaufwand der Verkäuferin gelohnt hat. Das Schlimmste ist dann, wenn man nichts findet, was einem gefällt/passt/worin man nicht total verkleidet aussieht, und dann MUSS man aber trotzdem was kaufen. Jedenfalls geht es mir so. Ich kann nicht nach einer halben Stunde Beratung den Laden ohne Ware verlassen. Also kaufe ich dann irgendeine Tasche oder ein Halstuch und schwindle der Verkäuferin vor, dass ich mir das mit der Hose (zu eng), dem Hemd (Presswurst) oder dem Rock (sieht einfach scheiße aus) nochmal überlegen muss und dann morgen vielleicht wiederkomme. Und dann gehe ich nach Hause mit einer neuen Tasche, die ich niemals benutze, und der Tag war scheiße. Wie gesagt, in Boutiquen gehe ich deshalb schon seit Jahren nicht mehr.

Mein Problem mit anderen Geschäften ist aber relativ neu und irgendwie anders. Der Fahrradladen zum Beispiel: ich brauche dringend ein Fahrrad. Dringend bedeutet in diesem Fall wirklich dringend, denn es brächte eine enorme Erleichterung im Alltag. Ich lebe in Berlin, habe zwei kleine Kinder, wenig Geld und kann nicht Auto fahren. Wir erledigen die meisten Wege zu Fuß, was dazu führt, dass alles irrsinnig lange dauert. Ein Fahrrad würde sowohl meinen Bewegungsradius vergrößern als auch mir mehr Zeit verschaffen. Geld für ein Fahrrad ist auch vorhanden. Es spricht also nichts dagegen, eines der umliegenden Fahrradgeschäfte zu betreten, mich beraten zu lassen, ein paar Räder probezufahren und anschließend eines zu kaufen. Allein: ICH KANN ES NICHT. Ich habe Schwellenangst. Ich kriege meinen verdammten Fuß nicht in eines dieser Fahrradgeschäfte. Ich bekomme schon Beklemmungen, wenn ich die Armada von Rädern sehe, die sie immer vor den Geschäften aufbauen. Ich wüsste nicht, anhand welcher Kriterien ich mich für ein Rad entscheiden sollte. Ich habe nämlich, und das ist wahrscheinlich das eigentliche Problem, keine Ahnung von Fahrrädern. Ich hatte bis vor ca. zwei Jahren ein Fahrrad, das hatte fünf Gänge und war grün. Es war ein super Rad, nur leider stand es so lange unbenutzt im Keller (nämlich weniger als zwei Jahre), dass unsere ehemaligen Vermieter der Meinung waren, es gehöre niemandem und müsse weg. Die Arschlöcher haben noch nicht mal einen Zettel im Treppenhaus aufgehängt oder so. Die haben anhand des Verstaubungsgrades einfach entscheiden, dass mein Rad Müll ist. Dabei war es super, ich bin halt nur eine Zeitlang nicht damit gefahren.

Dieses grüne Fahrrad hatte ich von meiner Oma bekommen, die es beim Fahrradhändler ihres Vertrauens auf der Bismarckstraße gekauft hatte. Ich selber habe noch nie ein Fahrrad gekauft, und ich habe Angst, mich in so einem Fahrradladen lächerlich zu machen. Die Räder, die vor den Geschäften auf dem Bürgersteig stehen oder im Schaufenster zu sehen sind, haben außer zwei Rädern nichts mehr gemein mit meinem alten grünen Rad. Gibt es überhaupt noch Räder mit fünf Gängen? Wahrscheinlich nicht. In meiner Vorstellung gehe ich in so einen Laden und kann schon die erste Frage des Verkäufers – wonach ich denn suche – nur so beantworten, dass die gesamte Belegschaft und die restlichen Kunden wahlweise mit den Augen rollen oder sich vor Lachen krümmen. Und dann werde ich automatisch zum Opfer. Die hat keine Ahnung, dann verkaufen wir der gleich erstmal was Schweineteures, was kein Mensch braucht. 30 Gänge zum Beispiel. Und dann muss ich probefahren. Der Horror. Was, wenn ich aus welchem Grund auch immer vom Rad falle? Ich sehe das schon vor mir: ich kaufe das erstbeste Fahrrad, nur damit ich nicht nochmal probefahren muss.

Ich habe bei solchen Spezialgeschäften immer das Gefühl, ein nichtskönnender Vollidiot unter absoluten genialischen Experten zu sein. So wie damals, als wir uns ein elektrisches Klavier kaufen wollten. Da hat uns die Verkäuferin – ich nenne sie der Einfachheit halber Tamara – im größten Musik- und Instrumenteladen Frankfurts (wenn nicht der Welt) alle Klaviere gezeigt und uns immer wieder aufgefordert, sie probezuspielen. Und wir (mein damaliger Noch-Nicht-Mann und ich) konnten uns vor Tamara einfach nicht die Blöße geben und unsere mühsam auf meinem alten Keyboard einstudierten Schubert-Ländler vorspielen. Denn genau diesen Charakter hatte es: Vorspielen. Tamara hätte uns wahrscheinlich wieder nach Hause geschickt, wenn wir nicht gut genug gewesen wären. Und wir wären nicht gut genug gewesen, soviel stand fest. Spätestens, als Tamara dazu überging, stehend am jeweiligen Klavier komische Pop-Balladen vorzuspielen. Stehend. Mit einem Fuß auf dem Pedal. Und uns immerzu anlächelte dabei und was über den spezifischen Klang des Instruments fachsimpelte. Wir haben dann am Ende ein mittelpreisiges Klavier der Firma Roland gekauft. Ich bin mir sicher, sie hätte uns auch etwas Teureres aufschwatzen können, nachdem sie uns ihre Überlegenheit so eindringlich demonstriert hatte, aber wahrscheinlich war sie dafür ein zu guter Mensch. Ach, Tamara.

Neben dem Minderwertigkeitskomplex, was das jeweilige ladenspezifische Fachwissen betrifft, spüre ich aber auch eine generelle Entfremdung dem Einzelhandel gegenüber. Das Schöne am Online-Shoppen ist ja, dass man erstmal vermeintlich unbeobachtet ist. Ja, amazon merkt sich alles, was ich mir angeguckt habe, aber amazon ist kein Mensch, vor dem mir meine Interessen evtl. peinlich sein könnten. Amazon ist auch nicht enttäuscht, wenn ich eine Stunde lang im Sortiment stöbere und schließlich nichts kaufe. Und das ist es wahrscheinlich, das wirklich wahre Hauptproblem: ich fühle mich im Einzelhandel mit einer Erwartungshaltung konfrontiert, die mich sofort unter Druck setzt. Ich muss etwas kaufen, weil ich denke, dass mein Gegenüber denkt, dass ich etwas kaufen werde. Und nicht nur das. Ich denke auch, dass ich etwas kaufen muss, damit mein Gegenüber seinen Job behält, sein Geld verdient, sich etwas zu essen kaufen kann. Wenn ich den Laden verlasse und mein ganzes Geld wieder mitnehme und es stattdessen bei amazon ausgebe, geht dieser kleine Laden pleite. Also kaufe ich etwas, das ich eigentlich nicht haben will und gehe danach nie wieder dahin, sondern kaufe alles, was ich brauche, bei amazon. Und der Laden geht pleite. Lose-lose-situation nennt man das wohl.

 

Tag am Meer

Schön wär’s. War natürlich nur Freibad, das Olympiastadion in Berlin, _das_ Schwimmbad meiner Kindheit. Hier bin ich gefühlt jeden Sommertag zwischen 1984 und 1988 mit meiner Oma gewesen, unser Platz war immer direkt neben dem flachen Nichtschwimmerbecken, auf dem Steinboden, der im Laufe eines Tages von der Sonne so heiß wird, dass man nicht mehr schmerzfrei darauf laufen kann und eigentlich im Hechtsprung ins Wasser springen muss, obwohl das naturgemäß verboten ist. Es gibt herrliche Fotos von mir, wie ich mit ca. vier Jahren in meinem rot-weiß-gestreiften Lieblingsbadeanzug mit einem Schwimmreifen in Form eines Schwans durch ein komplett leeres Becken gleite. Ich frage mich immer, ob meine Oma prinzipiell um 7 Uhr morgens mit mir schwimmen gegangen ist oder ob sie gar das ganze Schwimmbad oder zumindest das Nichtschwimmerbecken gemietet hatte, denn da ist wirklich niemand sonst auf den Fotos, nicht mal im Hintergrund. Wahrscheinlich hat sie dem Bademeister 20 Mark zugesteckt, damit ich alleine dort plantschen konnte. Zuzutrauen wäre es ihr.

Jedenfalls: seitdem wir wieder in Berlin wohnen, also seit ziemlich genau ( – nein, halt, heute GANZ genau) einem Jahr, ist das Olympiastadion in erreichbare Nähe gerückt, und weil heute ein unvorstellbar heißer Tag war, haben wir ihn dort verbracht. Und was soll ich sagen – im Freibad offenbart sich doch der Mensch als Tier. Die Liegewiese bevölkert von einer seltsam disparaten Horde: hier das Seniorenpaar, das sich routiniert gegenseitig den Rücken eincremt; da die marodierenden Halbstarken, Balzrituale und Kampfspiele eingechlossen; dazwischen versprengt Eltern mit Kindern, mal vereinzelt, mal in einer Gruppe, mal als mehrere Generationen umfassender Clan. Und alle sind seltsam harmonisch untereinander, leben und leben lassen scheint das Motto. Oder liegen und liegen lassen, je nachdem. Wenn man mal die zoomorphe Brille aufhat, sehen kleine Kinder auch nur noch wie Affen aus. Der kleine Junge, der sich an der Dusche festklammert und immer wieder blitzschnell mit seinem Eimer zum eiskalten Wasserstrahl flitzt. Die eigene Tochter, die sich im Wasser an meinem Rücken festhält, um nicht unterzugehen. Wahrscheinlich hat mich deswegen der Anblick von einem ca. dreijährigen Mädchen im Bikini so irritiert. Das war irgendwie falsch, dazu muss man gar nicht besonders feministisch sein. Kleine Mädchen brauchen keine Bikinis. (Na herzlichen Dank, da stolpere ich beim Googlen über dieses Bild und möchte schreien: kleine Mädchen brauchen keine Bikinis, da findet eine Sexualisierung der Kindheit statt, das ist falschfalschfalsch!)

Zurück zu den Tieren. Ich lag also heute nicht auf den heißen Steinen, sondern auf der Wiese, insgesamt ca. drei Stunden mit schlafendem Baby auf dem Bauch, während mein Körper bekrabbelt und bekrochen wurde. Ameisen, Raupen, komische Insekten mit länglichen glänzenden Körpern und Flügeln, die aber das Krabbeln bevorzugten, Spinnen, das volle Programm. Da war ich dann wieder ganz Mensch und schüttelte mich regelmäßig. Als Affenmutter hätte ich die Viecher wahrscheinlich einfach gegessen wegen der Proteine. Als Mensch, und als Stadtmensch zumal, habe ich ein letztlich gespaltenes Verhältnis zur Natur, deren Teil ich ja dann doch wiederum bin. Ach, es ist schon ein Kreuz.

Jetzt wartet ein Gespräch über Rebornpuppen auf mich. Menschliches, allzu Menschliches…

Anrufung des Herrn

Die Wahrheit ist, dass es komplett unmöglich ist, einen halbwegs sinnvollen Beitrag zu schreiben, wenn alle halbe Stunde ein Baby mit Schnappatmung aufwacht und mich aus meinem stream of consciousness reißt. Deswegen lasse ich jetzt drei Entwürfe unbearbeitet und unveröffentlicht, poste stattdessen diesen hier und gehe schlafen. Stream of unconsciousness kann ja nur besser werden.

Himmel, jetzt habe ich auch noch aus Versehen fast alles gelöscht. Gott des Blogs, was willst du mir sagen?

Übrigens hat Kind1 heute einen Comic an der Bushaltestelle gefunde und mit nach Hause genommen. Er entpuppte sich als Propagandaschrift des Evangelischen Missionsdienstes „Die Wegbereiter“ und handelt von einem Mann, der auf die eher unsanfte Tour dazu bekehrt wird, ein guter Christ zu sein. Das Ganze endet mit der Aufforderung: „Richte dich nach der Bibel – oder du wirst nach ihr gerichtet!“ sowie dem Merksatz „Himmel oder Hölle! Die Entscheidung liegt bei Dir!“ Ich finde ja, inflationärer Gebrauch von Ausrufezeichen kann nicht Gottes Wille sein.

Und Schluss.

was ich kann:

mit einem schlafenden Baby auf dem Arm ein auf dem Boden liegendes aufgeschlagenes Buch mit den Füßen aus Bett befördern, OHNE die Seite zu verblättern und OHNE das Baby aufzuwecken und OHNE hinzufallen. Toll. Noch drei Kinder mehr und ich kann im Zirkus auftreten. Darf dann bloß keiner klatschen, sonst wacht das Baby ja auf.

Wilde Kerle

Maurice Sendak ist tot. Ich weiß gar nicht, ob ich das traurig oder sonst irgendwie finde. Er ist 83 Jahre alt geworden, sein Partner ist schon vor einigen Jahren gestorben, und ich nehme an, dass er nicht mehr viel vor hatte im Leben. Insofern ist es für ihn wahrscheinlich völlig in Ordnung, jetzt tot zu sein. Für mich ist es das auch. Bei Künstlern neigt man ja dazu, zu sagen „ach Gott, was er/sie nicht noch alles hätte schreiben/malen/komponieren können, nun ist dieser ach so geniale Geist leider von uns gegangen“. Sendak ist vor allem für ein Werk bekannt: „Wo die wilden Kerle wohnen“. Jedenfalls ist es das einzige seiner Bücher, das ich kenne. Und es ist genial. Es fasziniert mich seit meiner Kindheit, und ich will gar nicht wissen, warum. Vor ein paar Jahren wurde es verfilmt und – nicht nur – im Zuge dessen mit allerlei psychologischen Deutungen befrachtet. Oder war es der Film, der anfing, die Psychologie da reinzubringen? Den wilden Kerlen wurde irgendwann langweilig beim vielen Krachmachen, was wiederum Max nervte, weswegen er wieder fortsegelte? Ich weiß es nicht, ich habe den Film nicht gesehen. Ich habe mir auch ehrlich gesagt noch nie ernsthaft Gedanken gemacht, warum ich das Buch so toll finde. Ich weiß nur: die Liebe zu diesem Buch wurde mir nie peinlich. Auch nicht in so problematischen Lebensphasen wie kurz vor bzw. in der Pubertät, wenn man alles Kindliche abstreifen möchte und leugnet, sich je für „Mein kleines Pony“ begeistert zu haben. Zu erwähnen, dass „Wo die wilden Kerle wohnen“ eins meiner Lieblingsbücher ist, hat mich nie Überwindung gekostet. Und es war fast schon ein Pawlowscher Reflex, der mich dieses Buch für meine Tochter kaufen ließ, als sie gerade mal zwei Jahre alt war. Bei Thalia gesehen und sofort gewusst: das wird gekauft. Das arme Kind hatte gar kein Mitspracherecht. Beim Vorlesen dann sofort Kloß im Hals und Tränen in den Augen. Es ist die letzte Seite, die es mir besonders angetan hat, die ohne Bilder. Links steht „und es war noch warm“ und rechts, wo sonst Max im Wolfspelz, sein Zimmer, das Meer, die wilden Kerle zu sehen sind, ist: Nichts. Da muss ich immer heulen. Ich habe neulich erst etwas darüber gelesen, dass Leerstellen in Büchern für Kinder (ich glaube, es waren Schulbücher) so wichtig wären, es sie aber kaum gibt. Hier gibt es sie. Das Buch endet mit einer Leerstelle, mit einem Nicht-Bild. Das ist grandios.